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Tuesday, June 29, 2010

Indie, I want you back

Es gab mal eine Zeit, da war das Aufschlagen des neusten MUSIKEXPRESSes ein bisschen wie Nachhausekommen. Für die Indie-Hörer unter uns, für die der Härtegrad von VISIONS etwas zu hoch war und der Themenschwerpunkt des ROLLING STONEs oft etwas zu weit in der Vergangenheit lag, hatte sich der ME im Laufe des vergangenen Jahrzehnts immer mehr zum Presseorgan unseres Vertrauens gemausert. Zugegeben, es gab immer wieder schwächere Phasen und seit dem Aufkauf durch Springer im Jahre 2000 befindet sich der ME zudem auch noch in „Feindeshand“, aber durch eine gut aufgestellte Redaktion, allen voran Josef Winkler und Albert Koch, konnte das Niveau auf einem hohen Level stabilisiert werden.


Doch seit dem Relaunch im März 2009 vermehrt sich der Eindruck, als wollen man uns, die Freunde des gepflegten Indie Pops und Alternative Rocks nicht mehr haben. Wir sind wohl nicht mehr stylisch genug, trotz all gutgemeinten Hinweise in Form von Fashion-Kolumnen und Mode-Strecken.


Klar, Musik entwickelt sich weiter, und der Einfluss von Elektronik nimmt immer mehr zu, was ja auch zu sehr erfreulichen Veröffentlichungen geführt hat. Das erklärt aber nicht, wieso der „Wiedergeborene Techno“ Albert Koch sich inzwischen fast jede Ausgabe dazu genötigt fühlt, herkömmlichen Indie und Alternative dermaßen zu verdammen und deren Hörer platt zu beleidigen. (Aus der Besprechung von „Lady Gaga – The Remix“, Ausgabe Juli 2010, S. 84) „Auf halben Weg steht Lady Gaga, die auch immer gut ist für die Auslösung eines heftigen Beißreflexes bei den Rocktypen. Der Anti-Gagaismus ist geprägt von einer vollkommen unreflektierten Sicht auf alles, was Pop in weitesten Sinne repräsentiert: Leichtigkeit, Hedonismus, Mode, Maskerade, Sexualisierung, Spaß.“


Meiner Meinung nach findet sich alle diese Charakteristika genauso im Rock. Und selbst wenn nicht: Worüber reden wir hier eigentlich? Ich mag da ja ein bisschen konservativ sein, aber geht’s bei Pop nicht in allererster Linie um Musik? Wenn ich ein Lied höre, ist es mir völlig egal, ob die vortragende Person modetechnisch gerade „ganz weit vorn liegt“. Eine Musicalaufführung mag im Bereich „Maskerade“ ein Thermals-Konzert ja gerne komplett in den Schatten stellen. Das macht „Cats“ aber auch nicht zur besseren Musik.


Gerade die in den letzten Ausgaben des ME so frenetisch gefeierte Lady Gaga macht meines Erachtens völlig generischer Dance Pop, den es in genau derselben Form schon in den 80ern gab. Bei Frau Germanotta ist der visuelle Aspekt nicht schmückendes Beiwerk, es ist die Grundlage ihres kommerziellen Erfolges. Wenn man früher Boyband-Fan gefragt hat, was sie denn an ihren Lieblingen so toll fanden, kam meistens als Antwort: „Die sehen toll aus und können super tanzen!“ Auch hier Leichtigkeit, Hedonismus, Mode, Maskerade, Sexualisierung, Spaß. Wenn kümmert da noch so etwas Abstraktes wie Musik, lieber MUSIK-, Verzeihung, STYLEEXPRESS.

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